Die Winter-Mohammed-Sache und ein FPÖ-Portrait
Januar 14, 2008 von Tom Schaffer
Ich hatte heute beim Standard Agenturdienst. Das war böse. Böse, weil es Frau Winter gibt, die ganz parteilinientreu gerne über Muslime schimpft (und über schwarze Gene fantasiert). Und zwar aus politischem Kalkül, und ich vermute auch aus Überzeugung. Beides ist auf seine Art schlimm. Obwohl ich mich mit diesem rechten Furz heute schon den ganzen Tag auseinander setzen musste (die Foren quollen über, die Reaktionen kamen im Minutentakt), und er mir schon zu den Ohren raushängt, wird es nicht schaden, wenn man zumindest mit ein paar ganz offensichlichen Irrtümern aufräumt, die im Raum schweben.
Zum Einen muss man sich im Klaren darüber sein, wer sich hier zur Stimme der Islamkritik aufschwingt (auch für meine ausländischen Leser sicher erhellend) - wer es ist, der sich da als moralischer Historiker aufspielt. Bekanntermaßen ist die FPÖ eine Partei, die aus dem Verband der Unabhängigen (VdU) hervorgegangen ist, der nach dem Zweiten Weltkrieg das Auffangbecken für gesellschaftlich rehabilitierte Nazi-Mitläufer und leider nie belangte Nazi-Verbrecher war: “Dieser sah sich als politische Vertretung ehemaliger NSDAP-Mitglieder, Heimatvertriebener und Heimkehrer.” (Wikipedia) Und damit könnte man es sich einfach machen und eigentlich schon aufhören. Eine Partei aus einer solchen Tradition, sollte sich über die Vergangenheit am besten gar nicht moralisch äußern. Tut sie aber.
Ihr ehemaliger Chef lobte die Beschäftigungspolitik des Dritten Reiches (und andere tun das auch heute noch gerne). Ihr aktueller Chef vergleich den EU-Reformvertrag mit dem Anschluss an Nazi-Deutschland, spielt gerne Paintball (angeblich lange bevor es das Spiel gab), rennt bei verbotenen Organisationen herum und bestellt schon mal drei Bier. Manche ihrer Parlamentarier unf Funktionäre werden rechtskräftig wegen NS-Wiederbetätigung verurteilt. Übrigens ist all das in Österreich kein Rücktrittsgrund mehr. Während in anderen Ländern Minister ihre Sache packen, weil sie die TV-Gebühren nicht bezahlt haben (Schweden), kann man in Österreich auch dann noch amtieren, wenn einem per Gericht Nähe zum Nationalsozialismus zugerechnet wird. Und man bekommt dafür auch zweistellige Wahlergebnisse. Die Gemeinderats-Kandidatin Winter schnappt sich halt das neue Spielzeug der Rechtsrechten: die “Islamkritik”. Und was uns dabei übrigens zu denken geben sollte: Sie sagt eigentlich nichts anderes als die Broders dieser Welt. Nur ein bißchen weniger um eine Scheinintelligenz bemüht ausgedrückt. Winter spricht den intellektuellen Pleitegeiern bei Poltically Incorrect und ihren österreichischen Pendants nach dem Mund.
Mohammed sei ein Kinderschänder gewesen, tönte die Frau jüngst bei einer Wahlveranstaltung. Und damit bezieht sie sich auf eine theologisch-historische Debatte, die seit langer Zeit geführt wird. Es geht um eine von Mohammeds neun (nicht 14) Frauen: Aischa. Die soll bei der Heirat sechs, beim ersten Sex neun Jahre alt gewesen sein. Das ist die Deutung von historischen islamischen Schriften, die alle auf einen eher ungenauen, altertümlichen Geschichtsschreiber namens Hasham Urwa Ibn zurückgehen. Andere Gelehrte weisen darauf hin, dass das nicht möglich wäre. Andere Schriften verunmöglichen diese Auskunft, weil sie diversen gesicherten Fakten widerspreche. Das Alter der Frau bei der Heirat schwankt deshalb zwischen 6 und 26 Jahren. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Das alles war übrigens zu einer Zeit, in der die Menschen durchschnittlich 35 Jahre alt wurden, und in der es deshalb auch üblich war, für heutige Verhältnisse früh zu heiraten. Warum das alles so ungenau ist? Weil das fast eineinhalb Jahrtausende her ist, und in dieser Zeit diverse Überlieferungen verloren gingen und die Geschichte immer wieder politisch motiviert umgeschrieben wurde. Und so ganz beiläufig sollte man vielleicht den Irrtum ausräumen, das würde auf irgendeine Weise im Koran stehen. Tut es nicht. Aischa wird dort nur beiläufig erwähnt. Auch das klärt übrigens die Wikipedia - traurig, dass so wenige Menschen auch heute noch von diesem sonst so allgegenwärtigen Instrument Gebrauch machen.
Ich bin kein Historiker, ich maße mir nicht an zu sagen, was wirklich stimmt. Es ist auch nicht so wichtig. Was zählt ist, wie Muslime heute Leben. Frau Winter wollte ja keine historische, intellektuelle Debatte lostreten, sondern einen Gemeinderatswahlkampf gewinnen. Und das Problem der Kindesheirat, einer geplanten, die oft mehr ein Verkauf ist, hat nichts mit der Lebensrealität europäischer, östereichischer bzw. Grazer Muslime zu tun. Es ist der populistische Stimmenfang im tiefrechten Lager - und überall anders. Denn dieser geistig umnachtete Tiefschlag aus den Reihen der FPÖ findet auch bis in die Mitte der Gesellschaft hinein viele, die vom Recht auf freie Meinungsäußerung sprechen. Das Problem ist, ich entschuldige mich für die vielleicht gemeine Analogie, dasselbe wie beim Rauchverbot. Selbsternannte Liberale reden von Freiheit aber sie meinen (oft ohne es zu wissen) die Verletzung der Rechte anderer. Aber OK, für manche ist halt selbst Volsverhetzung noch eine Meinung die geschützt werden muss. Schlimmer sind die, die eigentlich mit Rechtsparteien wie der FPÖ oder dem BZÖ nichts zu tun haben, die dann aber von “Fakten” sprechen, die “auszusprechen erlaubt sein muss”. Solche Leute orten dichten dann gerne eine Regierungs-Medien-Gutmenschen-Verschwörung der politischen Korrektheit herbei. Dass die Fakten keine Fakten sind ignorieren sie ebenso, wie den Kontext, in dem sie ausgesprochen werden. Und damit auch weshalb. Das ist aber entscheidend. Denn die Mohammed-Aischa-Frage kann man intellektuell gerne Mal bei einem Faß Bier besprechen, nicht aber in einem Wahlkampf um Ressentiments zu schüren und instrumentalisieren.
Dabei glaube ich, dass viele dieser Menschen im Grunde zumindest Teilverbündete für mich als Linksliberalen und vor allem als Menschenrechts-Universalisten sind. Denn worüber sie sich empören, das wäre ja wirklich bekämpfenswert, wenn es echt wäre. Bloß ist es hier in Österreich (und rufen wir uns in Erinnerung, dass wir hier in einem Provinzwahlkampf sind) nicht echt - ganz sicher nicht im Sinne eines gesamtislamischen Problems. Das zu behaupten wäre, nein, ist konstruierter Fremdenhass. Das Kinderheirats-Problem, das vor einigen Jahrhunderten noch die ganze Welt umspannte (ja, auch Europa, uhuuu, unsere Vorfahren waren Kinderschänder!1!1!) ist bis heute präsent. In manchen Gebieten der Welt, werden kleine Mädchen auch heute noch verheiratet (man denke an das Unicef Pressefoto 2007) und als Sexsklaven gehalten - übrigens wäre es respektlos gegenüber tausenden Opfern, wenn man so tun würde, als wäre das nur in muslimischen Ländern der Fall. Das gehört thematisiert. Da muss etwas gemacht werden. Da kann man gerne auch mit Muslimen drüber sprechen. Und Hindus. Und Atheisten. Und allen. Und jeder der das aus ehrlichen Motiveren dagegen ankämpft, weil es ihm wirklich um die Betroffenen gehtm, der hat dafür meine Unterstützung. Aber nicht die FPÖ. Und nicht in Graz.
Winters Ausbrüche sind weder notwendig, noch richtig, noch Fakten, noch ein Fall für die Meinungsfreiheit. Sie sind einfach nur widerlich.
Wer das nicht sieht ist dumm.
PS: Graz, die Stadt meiner Geburt und frühesten Kindheit, hat am Sonntag die Wahl. Zweistellig wäre traurig.
