Es gibt nur einen Moment, wo ich es immer wieder bereue, Geschichte zu studieren. Geschichtswissenschaft ist eine Allroundwissenschaft des „Verstehens“. Man glaubt selbst als Student gar nicht daran, wie oft man schon die Gegenwart besser als zuvor versteht. Je mehr ich die Gegenwart von der Vergangenheit ableiten kann, um so schmerzhafter ist es. Denn so werden besonders große Blödheiten noch blöder, noch irrsinniger, ja erbärmlich. Dann schlage ich mir auf die Stirn und frage mich „Wie kann das im Informationszeitalter eigentlich passieren?“.
Dass Österreich in Europa neben Weißrussland DAS integrationsfeindliche Land ist, dürfte Realisten nicht verborgen geblieben sein. Mehr Sorgen macht mir eine gezielte Frage an das „Volk“, ob denn Einwanderer unsere Kultur bereichern würden. Ein Großteil von den Österreichern verneint das. Das ist wahrlich erbärmlich. Diese Antwort zeigt nicht nur, wie weit entfernt diese Leute von der Gegenwart sind, weil noch immer nicht durchgedrungen ist, dass Österreich im Vergleich ein noch beliebteres Einwanderungsland als die Vereinigten Staaten von Amerika darstellt, sondern auch die kategorische Unbildung über unsere Geschichte.
Den Länderblock, den wir heute „Österreich“ nennen, gab es lange Zeit nicht. Am Anfang war das Zentrum des Donauraumes. Um diesen Kern bildeten nach und nach die Bundesländer einen Mantel. Steiermark etwa war lange unter den Traunsteinern selbstständig und hatte, als es zum Kernland beitrat, noch dazu ein sehr großes Landstück mit Slowenen als Gebiet inne. Kärnten ( wieder mit Slowenen) und Tirol kamen im 14. Jahrhundert dazu, und so ging es fort. Burgenland erst 1921 mit einer kroatischen und ungarischen Minderheit. Dazwischen die Erb- und Heiratspolitik der Habsburger, die uns neue Gebiete voll von multikulturellen Bürgern, die sich mit dem Volk des Kernlandes vermischten, beschert hat. Magyaren, Slawen mit vielen einzelnen kulturellen Unterschieden (Stichwort: Westslawen), etc.
Dabei ging Multikulti-Österreich schon lange früher los. Keltenstämme, Germanen (Markomannen, Langobarden etc.), Römer, Awaren usw. bildeten das Grundsubstrat für die weitere Ethnogenese.
Was heißt das also? Würde es nach diesen Österreichern gehen, die andere Kulturen nicht als Bereicherung ansehen, bezweifeln sie ja auch gleichzeitig ihre eigene Existenz. Noch dazu müssten sie fast ihre gesamten Nationalspeisen aufgeben. Wiener Schnitzel, abgeschaut von Mailand, mit Anleitung aus Byzanz (Fleisch mit Gold überzogen …) paniert. Schweinsbraten, Kraut, Knödl – auch nicht von uns. Gulasch, abgekupfert von den Ungarn. Das Kipferl vermutlich von einem Gebäck der Türken abgeleitet, die Türken zeigten den Wienern, wie man Kaffee richtig macht und auch schön trinkt, ja selbst der Leberkäse stammt aus München.
Hier zeigt sich das Drama rund um die nicht vorhandene österreichische Identität. Die indirekte Meinung, der Österreicher sei schon immer ein reinesreinster „Österreicher“ – was immer darunter verstanden wird – gewesen, die Österreicher ein begnadetes und vollkommenes Volk, das nie Hilfe und Unterstützung von außen nötig gehabt habe, ist ein Grundproblem in diesem Land, was letztlich zur aktuellen tristen geistig-kulturellen Lage geführt hat. Diese Ahnungslosigkeit der eigenen Bürger über einen der multikulturellsten Staaten Europas lässt mich erschaudern.
